Psychopharmaka können in psychischen Krisen eine "Krücke" sein. Es sind jedoch starke Medikamente, sie sollten nicht länger als unbedingt nötig eingenommen werden.
Psychopharmaka werden von Ärzten schnell verordnet, leider oft viel zu lange.
Nimmt man Psychopharmaka ein, ist es daher wichtig, regelmäßig zu überprüfen, ob eine weitere Einnahme notwendig ist.
Wichtig: Setze Psychopharmaka niemals abrupt ab! (Ausnahme sind lebensbedrohliche Nebenwirkungen) Psychopharmaka sollten gut informiert, systematisch, sehr langsam ausgeschlichen werden.
Nachfolgend einige mögliche Gründe zum Absetzen (Ausschleichen!) bzw. für eine weitere Einnahme:
Mögliche Gründe für das Absetzen zum jetzigen Zeitpunkt:
- Dein ursprünglicher Einnahmegrund (z. B. Lebenskrise) besteht nicht mehr.
- Du hast Strategien/Skills erlernt um mit belastenden Situationen gut umzugehen.
- Das Medikament wirkt nicht oder nicht mehr.
- Die Nebenwirkungen sind dir zu beeinträchtigend (z. B. Emotionale Betäubung, Sexuelle Funktionsstörungen, Gewichtszunahme).
- Die Langzeitrisiken einer Einnahme stehen nicht in Verhältnis zu einem Nutzen.
- Das bei einer längeren Einnahme steigende Risiko von Entzugssymptomen beim Absetzen
- Du möchtest dich wieder selbst unmedikamentiert erleben mit deiner ganzen Bandbreite an Gefühlen.
- Du hast verstanden, dass deine psychische Problematik nicht durch einen gestörten Gehirnstoffwechsel verursacht wurde.
- Du kommst aufgrund der medikamentenbedingten emotionalen Betäubung in deiner Psychotherapie nicht voran.
- Familienplanung: Kein Psychopharmakon ist in der Schwangerschaft wirklich sicher. (Risken bestehen sowohl während der Schwangerschaft, der Geburt und der späteren Entwicklung des Kindes.)
- Kindheit/Jugend-, junges Erwachsenenalter. In dieser sensiblen Phase der Gehirnentwicklung/-ausreifung ist ein Eingriff durch Psychopharmaka besonder heikel.
- Alter: Im Alter nehmen die Nebenwirkungen, Wechselwirkungen/Risiken von Psychopharmaka zu (z. B. veränderter Stoffwechsel, anticholinerge Wirkungen, erhöhtes Sturzrisiko.)
Mögliche Gründe für eine Weitereinnahme zum jetzigen Zeitpunkt:
- Aktuelle Krise/instabile Lebenssituation
- Du möchtest dich zunächst weiter stabilisieren (z. B. durch Psychotherapie).
- Du möchtest deine emotionalen Höhen und Tiefen nicht erleben.
- Du bist derzeit nicht willens oder in der Lage notwendige Veränderungen in deiner Lebensgestaltung vorzunehmen.
- Es steht zuvor noch ein anderer Entzug an (z. B. von Alkohol, Nikotin, übermässigem Kaffeekonsum).
- Dein Nervensystem ist durch vorherige Absetzversuche noch in einem dysfunktionalen Zustand.
- Schwere psychotische Episoden in der Vorgeschichte (z. B. mit Eigen- und/oder Fremdgefährdung, drohende soziale Desintegration)
Anmerkungen zu Antidepressiva:
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Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Antidepressiva Rückfälle verhindern können. Die "Rückfallstudien" sind dadurch verzerrt, dass Entzugssymptome nicht klar von Rückfällen unterschieden und dadurch Entzugssymptome als vermeintliche Rückfälle missinterpretiert wurden.
Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass eine Langzeiteinnahme von Antidepressiva durch Rezeptorenveränderungen zu einer Chronifizierung einer Depression, einer "Tardiven Dysphorie" führen kann.
Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass eine Langzeiteinnahme von Antidepressiva durch Rezeptorenveränderungen zu einer Chronifizierung einer Depression, einer "Tardiven Dysphorie" führen kann.
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Benzodiazepine sind zur Kurzzeiteinnahme und als Notfallmedikament gedacht. Es kommt sehr schnell zu einer körperlichen Abhängigkeit. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sollten Benzodiazepine daher nach kurzer Einnahmezeit wieder ausgeschlichen werden.
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Die Lebensqualität ist durch zahlreiche Nebenwirkungen der Neuroleptika oft eingeschränkt. Die langfristige Einnahme von Neuroleptika erhöht durch Rezeptorenveränderungen das Rückfallrisiko nach dem Absetzen. Neuroleptika können zu bleibenden Schädigungen führen und zum Abbau der Hirnsubstanz.
Neuroleptika werden oft off label, also außerhalb des vorgesehenen Anwendungsgebietes verordnet. Verschreibungsgründe sind beispielsweise Erregungszustände, Schlafstörungen, Wirkverstärkung von anderen Psychopharmaka. Aufgrund der möglichen schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen von einer Langzeiteinnahme von Neuroleptika, sollten die Risiken gut abgewogen werden und möglichst andere Behandlungsmöglichkeiten, am besten nichtmedikamentöse gewählt werden.
Bei einer Einnahme aufgrund von Psychoseerfahrungen ist eine individuelle Betrachtung von besonderer Wichtigkeit. Im Mittelpunkt sollte die eigene Lebensqualität stehen. Manche Betroffene können komplett ausschleichen, andere kommen mit einer Bedarfsmedikation gut zurecht. Manche entscheiden sich für eine möglichst niedrige Erhaltungsdosis, die sie bei Notwendigkeit temporär erhöhen.
FAQ
Woher weiß ich, dass ich bereit dafür bin, abzusetzen?
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Vor dem Absetzen solltest du dich gut über die Thematik informiert und damit auseinandergesetzt haben. Du solltest dir ein Leben ohne oder mit weniger Psychopharmaka zutrauen. Es braucht eine klare, starke Motivation und eine klare Entscheidung, Es braucht die Bereitschaft, auch unangenehme Symptome auszuhalten.
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Am günstigsten ist es aus einer stabilen Situation heraus abzusetzen. Allerdings kann es auch sein, dann man sich unter den Psychopharmaka nicht stabilisieren kann, bzw. diese selbst die Instabilität verursachen. Setzt man in solch einem Fall aus einer instabilen Situation heraus ab, sollte umso langsamer ausgeschlichen werden.
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Ja, das ist möglich. Bei einer langen Einnahmezeit ist das Risiko für Entzugssymptome erhöht, daher ist es dann besonders wichtig, sehr langsam auszuschleichen.
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Im höheren Alter sind Risiken und Nebenwirkungen von Psychopharmaka deutlich erhöht. Ein Ausschleichversuch ist daher zumeist sehr sinnvoll um Risiken zu minimieren. Natürlich muss immer die individuelle Gesamtsituation mit betrachtet werden.
Das Ausschleichen sollte im höheren Alter besonders langsam und behutsam erfolgen.
Das Ausschleichen sollte im höheren Alter besonders langsam und behutsam erfolgen.
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Es ist deine Entscheidung, ob du ein Medikament einnehmen möchtest oder nicht. Du kannst es jederzeit ausschleichen, wenn du das möchtest. Auch ohne die Zustimmung deines Arztes.
Aber natürlich ist es sehr sinnvoll, den Arzt in diesen Prozess mit einzubinden und ihn um Unterstützung zu bitten. Tipps für ein solches Arztgespräch findest du hier
Aber natürlich ist es sehr sinnvoll, den Arzt in diesen Prozess mit einzubinden und ihn um Unterstützung zu bitten. Tipps für ein solches Arztgespräch findest du hier
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Das Ziel des langsamen, risikominimierenden Ausschleichen ist es, dass das Absetzen "nebenher" verläuft und es die Alltagstauglichkeit nicht einschränkt. Wenn man von Anfang an risikominimierend ausschleicht, wird das zumeist auch gelingen. Die meisten schweren Absetzverläufen haben ihren Grund in zu schnellem/falschem Absetzen.
Ganz ohne Symptome wird es allerdings oft nicht gehen, diese sollten aber moderat und gut aushaltbar sein.
Ganz ohne Symptome wird es allerdings oft nicht gehen, diese sollten aber moderat und gut aushaltbar sein.
