Genesenenbericht Chris: Es ist vorbei - Meine Rückkehr ins Leben nach Psychopharmaka (Escitalopram und Mirtazapin)

Berichte von Betroffenen, die bereits Antidepressiva, Benzodiazepine, Neuroleptika (Antipsychotika) oder Phasenprophylaktika abgesetzt haben
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Genesenenbericht Chris: Es ist vorbei - Meine Rückkehr ins Leben nach Psychopharmaka (Escitalopram und Mirtazapin)

Genesenenbericht . Es ist vorbei ♥️
Chris – Meine Rückkehr ins Leben nach Psychopharmaka

Mit der freundlichen Erlaubnis von Chris stellen wir seinen bewegenden, mutmachenden Abschlussbericht seiner Genesung hier ein. Seinen detaillierten Heilungsverlauf nach dem Absetzen findet ihr hier

Einleitung

Mein Name ist Chris. Ich bin verheiratet, Vater von zwei Töchtern und schreibe diesen Bericht, um Mut zu machen – und um Danke zu sagen.
Mein Weg führte mich von 2015 bis 2024 durch die Einnahme und das Absetzen von Mirtazapin und Escitalopram (Cipralex).
Er war geprägt von Unwissen, vielen Fehlversuchen, schweren Entzugsphasen, langen Jahren der Stabilisierung – und am Ende von Genesung, innerer Freiheit und Lebensqualität.

Dieser Bericht ist kein Einzelerfolg. Er ist das Ergebnis von jahrelanger gegenseitiger Unterstützung, Wissensaustausch, Erfahrung und Menschlichkeit innerhalb unserer Community. Ohne dieses Forum und seine Mitglieder wäre ich heute nicht dort, wo ich bin.


Ausgangssituation – warum alles begann
Der Beginn meiner Medikamenteneinnahme hatte nachvollziehbare Ursachen. Innerhalb kurzer Zeit kamen mehrere massive Belastungen zusammen:

- der Tod meines Vaters, den ich über Wochen auf der Intensivstation begleitete
- der Bau unseres Hauses mit hohem Druck und Verantwortung
- erhebliche psychische Belastung durch meinen damaligen Vorgesetzten

Rückblickend zeigte mein Körper früh Warnsignale: Rückzug, Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit, Appetitverlust und Überforderung.
Ich erkannte sie nicht – bis es im März 2015 zu einem massiven Zusammenbruch kam.

Ich ließ mich freiwillig in eine Klinik einweisen. Dort wurde ich ohne langsames Einschleichen auf
Mirtazapin 15 mg und Escitalopram 10 mg eingestellt.
Ich funktionierte wieder – aber ich war nicht mehr ich.


Erste Absetzversuche – allein, unwissend, fehlgeleitet
Wie viele andere auch, vertraute ich darauf, dass Ärzte schon wissen würden, wie Absetzen funktioniert.
Ich setzte Medikamente zu schnell, teilweise kalt, teilweise mit falscher Sicherheit ab.

Ich wusste nicht:
- dass Entzug wellenartig verläuft
- dass Auf‑ und Abdosieren schadet
- dass das ZNS Zeit braucht
- dass Symptome keine Rückfälle sind, sondern Zeichen der Heilung

Die Folgen waren schwere, langanhaltende Entzugssymptome mit starken Wellen und kurzen Fenstern.
Ich war verzweifelt, verunsichert – und hier kam unser Forum ins Spiel.



Die wichtigste Wende: die Community
Mit unserem Forum änderte sich alles.

Zum ersten Mal:
- wurde mein Zustand verstanden, nicht bagatellisiert
- bekam ich Erklärungen statt Beruhigungssätze
- erlebte ich Menschen, die genau wussten, wovon ich sprach

Hier lernte ich:
- warum mein Körper so reagiert
- warum langsames Vorgehen entscheidend ist
- warum Stabilisierung kein Aufgeben ist
- warum Hoffnung berechtigt ist

Dieses Wissen – getragen von Menschen, die den Weg selbst gingen oder gehen – war lebenswichtig.
Das Forum war kein Ort der Panik, sondern ein Ort der Orientierung, Erdung und realistischen Hoffnung.



Jahrelanger Entzug und der Wendepunkt
Zwischen 2016 und 2020 bestimmten extreme Wellen, starke körperliche Symptome, Angst und Hoffnungslosigkeit mein Leben durch die falschen Absetzversuche.
Viele hätten aufgegeben – ich blieb, weil das Forum mir immer wieder sagte: Bleib stabil. Du bist nicht kaputt.

Von 2020 bis Anfang 2022 hielt ich meine Dosis konstant.
Diese lange Stabilisierungsphase war mental brutal – aber sie war der Wendepunkt.

Ich lernte:
- Stabilität ist Fortschritt
- Geduld ist Heilung
- Vertrauen ersetzt Kontrolle
Ohne die Community hätte ich diese Phase niemals ausgehalten.


Erfolgreiches Ausschleichen – Wissen wird Praxis
Ab April 2022 begann ich erneut mit dem Ausschleichen – diesmal bewusst, strukturiert und nachdem ich mich an die bestmögliche Dosis herangetastet hatte.
- Reduktion: 0,2 mg alle 14 Tage
- Kaum bis keine Absetzsymptome

Heute bin ich sicher:
Der Erfolg lag nicht im Ausschleichen – sondern in der langen stabilen Vorbereitung, bei der mich das Forum mit allen Auf- und Ab´s begleitet hat.
Im Mai 2024 erreichte ich 0 mg.



Zeit nach Null – auch hier war Wissen entscheidend
Auch nach Null verlief die Heilung wellenartig.
Dank des Forums wusste ich: Das ist normal.

Ich erlebte:
- 10‑Monats‑Welle
- 18‑Monats‑Welle

Beide waren heftig – aber beide gingen nach 4–6 Wochen vorbei.
Ich geriet nicht in Panik, weil ich wusste: Das gehört dazu.
Dieses Wissen hat mir unendlich viel Leid erspart.


Woran ich merke, dass es vorbei ist
Ein zentraler Punkt – und für viele Betroffene die wichtigste Frage:
- Ich suche nicht mehr ständig im Forum, weil ich keine Antworten mehr brauche
- Ich scanne meinen Körper nicht mehr permanent
- Trigger wühlen mich zwar kurzzeitig auf – was normal ist –, aber sie lösen keine Wellen mehr aus

Früher:
-> Trigger → Welle → Tage/Wochen/ Monate Chaos

Heute:
-> Trigger → innere Reaktion → Schlaf → am nächsten Tag ist alles wieder normal

Mein Nervensystem reguliert selbst!



Meine Interessen haben sich verändert:
- weg von Symptomen
- weg von Heilung
- hin zu Sport, Bewegung und das Leben genießen

Mein Leben steht wieder im Vordergrund!



Mein Zustand heute – angekommen
Heute, genau 24 Monate nach Null, kann ich sagen:

- keine Wellen mehr / bzw. wenn dann nur noch kurzzeitig
- guter, erholsamer Schlaf
- keine gedankliche Beschäftigung mit dem Entzug
- kaum noch Forum, nicht aus Distanz – sondern aus Genesung

Ich bin wieder der alte Chris:
Ich habe Freude, ich kann fühlen, lachen und traurig sein.
Ich freue mich über Dinge.
Ich bin einfach glücklich.

Das sind normale Gefühle eines regulierten Gehirns, keine künstlichen Zustände, keine Entzugsreste.


Abschied von den Medikamenten
Als bewussten symbolischen Abschluss werde ich die restlichen Tabletten in einem persönlichen Ritual entsorgen.
Nicht als Trotz – sondern als Dank und Abschluss.


Ein großes Dankeschön an die Community
Dieser Bericht ist kein individueller Triumph.
Er ist der Beweis dafür, was eine informierte, respektvolle und empathische Community leisten kann.

Dieses Forum:
- kann falsche medizinische Entscheidungen beeinflussen
- gibt Orientierung, wenn niemand sonst sie gibt
- gibt Hoffnung, ohne zu vertrösten

Für viele Geschädigte ist es der einzige sichere Ort,
an dem sie verstanden, ernst genommen und kompetent begleitet werden.

Was wir hier gemeinsam erreichen, ist unbezahlbar.



Schlusswort
Dieser Weg war die härteste Zeit meines Lebens.
Aber er ist zu Ende gegangen.

Der Kapitän hat die raue See überstanden und ist mit eurer Hilfe sicher im Hafen angekommen.
"Hoffnung sieht das Unsichtbare, fühlt das Unerreichbare und erreicht das Unmögliche."
(Helen Keller)

Heute weiß ich: Sie hat recht.

Danke an jede einzelne Person hier.
Ihr verändert Leben.
:thx:
Euer
Chris
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Sanne4, Maike, Aquila65
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