Link zur Studie
Antidepressiva werden oft über lange Zeiträume zur Rückfallprävention bei Depressionen gegeben. Prof. Hengartner untersuchte mit diese Arbeit, ob es tatsächlich wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit einer solchen Langzeitbehandlung gibt.
Teilübersetzung:
Zusammenfassung
"Ziel dieses Artikels ist es, die Aussagekraft von Studien zur Rückfallprävention und das Problem der Verzerrung durch Entzug in diesen Studien zu erörtern. Empfehlungen für die langfristige Behandlung mit Antidepressiva basieren fast ausschließlich auf Studien zum Absetzen der Medikation.
In diesen Studien zur Rückfallprävention werden Teilnehmer mit abgeklungener Depression nach dem Zufallsprinzip entweder der Gruppe zugeordnet, in der das Antidepressivum abrupt abgesetzt und durch ein inaktives Placebo ersetzt wird, oder der Gruppe, in der die aktive Behandlung fortgesetzt wird. Der Unterschied zwischen Medikament und Placebo bei den Rückfallraten am Ende der Erhaltungsphase wird dann als prophylaktische Wirkung des Medikaments interpretiert. Diese Studien zeigen durchweg bemerkenswerte Vorteile für die Erhaltungstherapie.
Die interne Aussagekraft dieses Studienprotokolls ist jedoch beeinträchtigt, da Untersuchungen gezeigt haben, dass ein abruptes Absetzen von Antidepressiva schwere Entzugsreaktionen verursachen kann, die zu Depressionsrückfällen führen (oder sich als solche manifestieren). Das heißt, in Studien zum Absetzen des Medikaments kommt es zu erheblichen Verzerrungen durch Entzugserscheinungen, wodurch deren Ergebnisse nicht interpretierbar sind. Es ist nicht klar, inwieweit der Unterschied zwischen Medikament und Placebo in Studien zur Rückfallprävention (Absetzungsstudien) auf Entzugserscheinungen zurückzuführen ist, doch verschiedene Schätzungen deuten darauf hin, dass dies vermutlich den größten Teil ausmacht.
Eine Überprüfung der Ergebnisse auf der Grundlage anderer Methoden, darunter Langzeitstudien zur Wirksamkeit in der realen Welt wie STAR*D und verschiedene naturalistische Kohortenstudien, deutet nicht darauf hin, dass Antidepressiva nennenswerte prophylaktische Wirkungen haben.
Da das Fehlen von Beweisen nicht gleichbedeutend ist mit dem Beweis der Nichtvorhandensein, lassen sich aus der Literatur keine endgültigen Schlussfolgerungen ziehen. Um eine gründliche Risiko-Nutzen-Bewertung zu ermöglichen, sollten Wirksamkeitsstudien aus der realen Welt sich nicht nur auf die Rückfallprävention konzentrieren, sondern auch die langfristigen Auswirkungen von Antidepressiva auf die soziale Funktionsfähigkeit und die Lebensqualität bewerten. Bislang fehlen zuverlässige Langzeitdaten zu diesen Ergebnisbereichen."
Prof. Dr. Michael P. Hengartner führt dazu weiter aus:
"Klinische Studien und Beobachtungsstudien haben gezeigt, dass bei einem abrupten (oder raschen) Absetzen von Antidepressiva ein erhöhtes Rückfallrisiko für die Patienten besteht.53,54 Bei Patienten, die sich in einer stabilen Remission befanden, können sich innerhalb weniger Tage schwere Entzugserscheinungen und damit verbundene funktionelle Beeinträchtigungen entwickeln,53,61 doch ist auch ein spätes Auftreten sowie ein langsames, aber anhaltendes Fortschreiten der Symptome möglich.47,48, 51
Entzugsreaktionen umfassen nicht nur akute Entzugserscheinungen, sondern auch Rebound-Störungen und anhaltende postakute Entzugsstörungen.47,48,50 Dies erschwert die Unterscheidung zwischen Entzug und Rückfall für einen Gutachter in einer klinischen Studie zusätzlich. Einen anschaulichen persönlichen Bericht eines Psychiaters mit eigener Erfahrung findet man bei Stockmann.95 Hunderte von Einzelfallberichten sind auf SurvivingAntidepressants.org veröffentlicht."
"Dieser Artikel schließt sich einer wachsenden Zahl von Ärzten und Forschern an, die vor einer wahllosen Langzeitbehandlung mit Antidepressiva warnen.8–11,55 Derzeit gibt es keine verlässlichen Belege dafür, dass eine Langzeitbehandlung mit Antidepressiva von Nutzen ist, und es bestehen berechtigte Bedenken, dass sie bei einem erheblichen Teil der Anwender weitgehend wirkungslos oder sogar schädlich sein könnte.10,11,16,55, 96
Besonders problematisch ist, dass wir fast keine Daten über die Langzeitwirkungen von Antidepressiva auf objektive Messgrößen der sozialen Funktionsfähigkeit (z. B. Beschäftigungs- und Erwerbsunfähigkeitsquoten) und patientenorientierte Ergebnisse wie die Lebensqualität haben. Eine kritische Neubewertung der aktuellen Behandlungsleitlinien in diesem Sinne ist erforderlich."
(Hervorhebung durch den Übersetzer)
Referenzen
Quellenangabe:
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Hengartner MP. How effective are antidepressants for depression over the long term? A critical review of relapse prevention trials and the issue of withdrawal confounding. Therapeutic Advances in Psychopharmacology. 2020;10. doi:10.1177/2045125320921694
Der Originalartikel steht unter einer CC Lizenz
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