Erfahrungsbericht Lina: Quetiapin 300 mg abgesetzt

Berichte von Betroffenen, die bereits Antidepressiva, Benzodiazepine, Neuroleptika (Antipsychotika) oder Phasenprophylaktika abgesetzt haben
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Erfahrungsbericht Lina: Quetiapin 300 mg abgesetzt

Lina hat 300 mg Quetiapin abgesetzt. Ihr dritter Absetzversuch war erfolgreich. Linas Vorgehen mit großen Reduktionsschritten und Dosiserhöhungen für wenige Tage, war bei ihr individuell erfolgreich, kann bei anderen Personen aber durchaus problematisch sein.
Allgemeine Grundsätze für ein risikominimierendes Absetzen finden sich hier

Nachfolgend ihr Erfahrungsbericht, den wir mit ihrer freundlichen Erlaubnis hier einstellen:


Hallo ihr Lieben,

ich bin jetzt seit drei Wochen medikamentenfrei und freue mich sehr darüber. Auf meinem Weg habe ich immer wieder in diesem Forum gelesen, mir Wissen angeeignet und aus euren Berichten Mut geschöpft. Nun möchte ich etwas zurück geben und auch meine Geschichte teilen, auf das sie anderen Menschen Hoffnung und Mut geben mag.
Im Sommer 2022 wurde ich mit 32 Jahren das erste Mal in die Psychiatrie eingewiesen, nachdem ich recht plötzlich 4 Tage völlig schlaflos war und dabei psychotisch geworden bin. Schon davor habe ich aufgrund von massivem Stress 1,5 Jahre Schlafstörungen und diffuse Ängste gehabt.

Mein Ausschleichprozess in Zahlen
Juni 2022: Einweisung in die Psychiatrie 300 mg Quetiapin retard
Ende September 2022: 250 mg (ärztlich angeordnet, da ich mittlerweile jede Nacht 12 Stunden geschlafen habe)

Ende November 2022: 200 mg (auf eigene Faust, da die Reduktion von 300->250 mg so leicht ging)
Anfang Januar 2023: Versuch auf 150 mg zu reduzieren nach 6 Tagen gescheitert -> "nur" 7h Schlaf pro Nacht (Angst vor Schlaflosigkeit), Ängste, Unruhig, Angst vor wiederkehrender Psychose; Aber auch klarere Farben und intensivere Wahrnehmung von Freude.

Mitte Februar 2023: 2. Versuch auf 150 mg zu reduzieren nach 4 Tagen gescheitert -> Angst (auch, da ich keine Ärztin hinter mir hatte und ich immer noch auf eigene Faust reduzierte)

Mitte März 2023: 3. Versuch auf 150 mg zu reduzieren erfolgreich
Mitte Mai 2023: 100 mg (nach drei Wochen noch mal für eine Woche auf 150 mg, da viel Streit mit meinem damaligen Partner)
Ende August 2023: 50 mg
Anfang November 2023: 25 mg (habe die retadierten 50 mg geteilt - soll man nicht, ich weiß - aber die habe ich besser vertragen, als die unretadierten)
28. März 2024: 12,5 mg (habe die 50 mg retard geviertelt. Ungleichmäßigkeiten in der Teilung hatten keinen Einfluss auf mich)
10. Juni 2024: Versuch auf 6,25 mg zu reduzieren gescheitert (Wasserlösemethode: 25 mg (diesmal unretardiert, da besser wasserlöslich / oder teils 25 mg geviertelt)
ab da wurde es etwas wilder. Habe mit 10 mg experimentiert, mit 8 mg, dann mal wieder hoch auf 12,5 oder auch mal ne Woche wieder auf 25 mg. Bis hier hin, war alles, außer der erste Schritt von 300->250mg auf eigene Faust. Habe meiner Neurologin immer erst davon berichtet, wenn ich auf der neuen Dosis schon 3 Monate stabil war. Hatte Angst, dass sie mir Angst macht und es dann daran scheitert. Aber dann ganz abzusetzten forderte mir viel Mut ab, da die Tablette mir Sicherheit vermittelt hat. Daher meldete ich mich schon im Januar 2024 bei einer Gruppentherapie an, die sich der Medikamentenreduktion annahm. Diese startete Ende 2024 und nachdem ich zwei Monate stabil auf 6 mg war, wagte ich den Absprung am
31.01.2025: Medikamentenfrei :)

Meine Verdachtsdiagnose ist Schizoaffektiv, meine Therapeutin hält auch Depression mit wahnhafter Symptomatik für möglich (da kein ausgeprägt mansiches Erleben, sondern vorwiegend Angst und Trauer). Anststörung und Depression ist aber sicher diagnostiziert.

Ich werde in den nächten Wochen noch mehr über den Prozess schreiben und darüber, wie sich mein Leben entwickelt hat. Es ist wieder schön geworden, auch wenn ich das damals für absolut unmöglich gehalten habe. Danke noch mal für das teilen eurer Erfahrungsberichte, die mir so viel Hoffnung auf ein gutes Leben gemacht haben <3

Bis bald
Eure Lina
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Re: Erfahrungsbericht Lina: Quetiapin 300 mg abgesetzt

Teil 2

Wie versprochen, kommt nun hier noch etwas mehr von meinem Prozess und meinem Leben:

Mit der Zeit habe ich ein Gespürr für meine Reduktionsschritte entwickelt. Ob sie zu schnell sind oder der Dosisschritt zu hoch. Ich habe Ängste, etwas schlechteren Schlaf (2-3 Stunden weniger als üblich), Weinerlichkeit oder Alpträume versucht 3-4 Tage auszuhalten. Wenn es dann nicht etwas besser wurde, habe ich wieder für ein oder zwei Tage die höhere Dosis genommen und dann geschaut, ob ich mich sicher fühle wieder die reduzierte Dosis zu nehmen. Ich habe mir also an manchen Tagen einfach eine kleine Pause gegönnt und bin damit meistens gut gefahren. Wenn ich mich zu unsicher gefühlt habe, dann habe ich einfach noch einen Monat gewartet und dann ging es meistens viel leichter, weil mein Körper scheinbar die Zeit noch gebraucht hat.

Aber wenn ich von manch anderen hier im Forum lese, muss ich sagen: meine Absetzsymptome waren nur sehr, sehr leicht. Das schlimmste war, wenn sich mein Gehirn schon nach der ersten Nacht mit reduzierter Dosis irgendwie „entzündet“ angefühlt hat und ich sehr fahrig und rastlos wurde – dann war der Reduktionsschritt meist zu früh/die Dosis zu niedrieg.

Mir hat es sehr geholfen jeden Tag die Dosis und meine Stimmung in meinem Zykluskalender zu dokumentieren; nur ganz kurz mit +/- und ggf. Ängste, Alpträume, schlechter Schlaf, guter Schlaf, sowie Rahmenbedingungen wie Streit, schlechte Nachrichten oder Themen/Entscheidungen, die mich gerade beschäftigen. Dadurch habe ich ein viel besseres Gefühl für mich bekommen und konnte im Zweifel einfach zurück schauen und sehen, dass bestimmte Themen/ Ängste immer aufgetreten sind, ich sie aber beim letzten Mal auch überstanden habe und mir das diesmal wahrscheinlich auch gelingt.

Das mit dem Zykluskalender ist durch Zufall entstanden, hat mir aber schnell vor Augen geführt, dass Reduktionen 1-2 Wochen oder während den ersten Tagen der Menstruation bei mir nie funktioniert haben, da dann die Ängste riesig wurden. Ich habe Reduktionsschritte immer in den letzten Tagen meiner Menstruation gemacht, da dann (so ist es zumindest bei mir) die Hormone schon für mehr Positivität und Energie sorgen, sodass die Absetzsymptome nicht so stark ausfallen bzw. emotional nicht so sehr ins Gewicht fallen. Und das Gehirn hat jetzt ca. 3 Wochen Zeit sich umzustellen und erst dann fährt die Hormonachterbahn wieder in den Keller – Doppelbelastung durch Hormonabfall + Gehirnumstrukturierung habe ich strikt vermieden.

Am Anfang habe ich die Medikation ganz schnell los werden wollen. Das habe ich irgendwann hinter mir lassen können – zum Glück muss ich sagen, weil dann ganz viel Druck von mir abgefallen ist. Ich hatte ab einem bestimmten Punkt gar nicht mehr den Plan ganz anzusetzen, sondern wollte eher herausfinden, was die geringste Dosis ist, mit der ich gut Leben kann. Ich hatte mich zuvor geschämt mit meinen Emotionen nicht mehr alleine zurecht zu kommen und auf Hilfe angewiesen zu sein. Für mich war es schwierig gefühlt verletztlich, klein und abhängig zu sein.

Irgendwann konnte ich es akzeptieren, dass ich auch das sein darf – ich muss nicht immer alles alleine schaffen und muss auch nicht 100 % „gesund“ (oder was ich dafür hielt) leben – es ist alles nicht so ernst und wichtig wie ich immer dachte. Eine Erkenntnis, die mein Leben jetzt sooo viel leichter und entspannter macht.

Dazu sei aber auch gesagt, dass ich unter keinen unerwünschten Nebenwirkungen von Quetiapin gelitten habe. Ich war manchmal etwas antriebsärmer und langsamer, aber das war ja auch Sinn der Sache und tat mir gut. Ich kann aber auch nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die die Medikation schnell wieder los werden wollen, weil sie auf sie sehr negative Auswirkungen hat/hatte.

Ich bin jedoch dankbar, dass mir die Tabletten durch eine so schwere Zeit geholfen haben und ich würde sie tatsächlich immer wieder nehmen, wenn es mir wieder so schlecht ginge. Dennoch bin ich froh, jetzt wieder auf eigenen Beinen zu stehen und auch wirklich wieder das Gefühl zu haben: ja, das bin ich und ich mache das wirklich selbstständig, das ist nicht die Wirkung der Medikamente. Mir war es nicht in dem Ausmaß klar, aber das macht ganz viel mit dem eigenen Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl nicht mehr „abhängig“ zu sein.

Dennoch ist das Ziel „medikamentenfrei“ zu sein, für mich nicht mehr das non plus ultra, sondern ein ausreichend gutes Leben für mich zu gestalten, steht an erster Stelle. Ich drücke dir ganz feste die Daumen, dass du da eines Tages auch stehst und denkst: ja, so passt es :-)

Und bitte, bitte gib nicht auf, egal wo du dich gerade befindest! Es kann besser werden, es dauert nur, aber bitte, bitte nicht aufgeben. Glaub mir, ich hatte mich auch schon von allen Menschen, die ich liebe, innerlich verabschiedet, weil ich einfach nicht mehr konnte und nicht mehr wollte, aber die Zukunft ist tatsächlich offen und es passieren gute Dinge. Dinge, die du heute vielleicht noch nicht für möglich hältst.

Vor drei Jahren hatte ich 50.000 € Schulden, war arbeitsunfähig und irgendwann auch arbeitslos, meine Ehe war am Ende und ich quasi ohne eigenes Zuhause. Heute bin ich schuldenfrei, habe einen Job, den ich liebe, bin mit meinem Ex-Mann sehr gut befreundet (und mein Mann hat nicht mich verlassen, sondern ich ihn – er hätte zu mir gehalten, aber ich hatte zu dem Zeitpunkt das Gefühl ich müsse mich von allem „befreien“, alles war mir zu viel, aber wir sehen uns regelmäßig), habe ein wunderschönes Zuhause auf dem Land im Grünen wovon ich immer geträumt hatte.

Hätte man mir das vor drei Jahren erzählt, ich hätte es kaum für möglich gehalten, dass das dabei rauskommen wird. Und falls du glaubst, das könnte bei dir nie so ausgehen: ich habe mich damals auch für den ärmsten Menschen auf der Welt gehalten – ich sehe mich noch heute weinend auf dem Bett in der Psychiatrie und völlig verzweifelt, mich nicht mehr selber versorgen könnend, aber eines habe ich gelernt: überleben, abwarten und Tee trinken. Ich habe immer versucht gegen meine Zustände und die Realität (das ich nicht mehr kann, völlig am Ende bin und ganz dringend Hilfe benötige) anzukämpfen.

Ich wollte so sehr, dass es mir nicht schlecht geht, dass ich all diese bodenlos schrecklichen Gefühle bekämpft und geleugnet habe. Erst, als ich wahnsinnig durch die Psychiatrie rannte und irgendwann wieder zu mir kam, habe ich die Priorität auf mich und mein Überleben gesetzt. Alle Pläne gestrichen und akzeptiert, dass ich am Boden bin. Dann ging es langsam wieder bergauf. Und mit langsam meine ich wirklich langsam. Noch heute habe ich mit Ängsten zu kämpfen, aber das ist alles nicht vergleichbar mit damals.

Und wenn ich heute zur Arbeit gehe, dann sagen mir Kollegen, dass von mir ein Strahlen ausgeht und ich immer so zufrieden wirke – das bin ich auch. Aber nicht, weil bei mir alles immer gut ist, sondern weil ich all das noch erleben darf. Auch das Schwere und Unschöne, aber ich lebe und das liebe ich so sehr. Das Simple und Alltägliche, sich bei Nieselwetter um 7 Uhr morgens durch die müden Massen am Bahnhof zu drängen. Großartig, dass ich noch dabei bin.

Ich wünsche dir ganz viel Mut, Kraft und Zuversicht für deinen Weg und hoffe, dass ich dir egal wo du gerade stehst, ein bisschen Hoffnung machen konnte.

Ich drücke euch und wünsche euch von Herzen nur das Beste!
Eure Lina
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