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Erfahrungsbericht loewe: "Der 8. Mai 2024 - mein persönlicher Tag der Befreiung und der lange Weg dorthin"

Erfahrungsberichte von Betroffenen, die bereits Psychopharmaka abgesetzt haben
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Erfahrungsbericht loewe: "Der 8. Mai 2024 - mein persönlicher Tag der Befreiung und der lange Weg dorthin"

Unser Forumsmitglied loewe hat Venlafaxin und Pregabalin erfolgreich abgesetzt. Mit ihrer freundlichen Genehmigung stellen wir ihren Erfahrungsbericht hier ein:


Teil 1

Endlich! Wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet, wo ich endlich sagen kann: Ich bin medikamentenfrei. Ich weiß noch nicht, wie ich die letzten 10 Jahre, davon 7 Jahre des Ausschleichens, in eine kurze Form bringen kann, werde mich trotzdem auf die hauptsächlichen Informationen beschränken.

Wie alles begann
Im Februar 2013 erlitt ich auf meinem morgendlichen Arbeitsweg (täglich 70 km Landstraße für eine Fahrt) eine Panikattacke. Von meiner Hausärztin bekam ich Mirtazapin verschrieben, das ich zuerst nicht nahm, da ich von Grund auf gegen Medikamente eingestellt bin. Als sich die Attacken häuften und eine quälende Schlaflosigkeit hinzukam, entschloss ich mich, es sporadisch zu nehmen. Ende 2015 funktionierte das auch nicht mehr und ich nahm das Mirta nun dauerhaft, was sich zunächst als Segen herausstellte.

Drei Todesfälle in der Familie innerhalb von 3 Wochen im Januar 2016, darunter auch meine Mutti, führten zum Crash und aufgrund der erneuten Krankschreibung folgte Mitte Februar auch die Kündigung. Der Absturz war perfekt und nichts ging mehr, nur abgrundtiefe Dauerangst war mir geblieben, tagein, tagaus.

Am 8. Mai 2016 (!!!) ließ ich mich über die Notaufnahme in die örtliche Psychiatrie einweisen. Dort wurde das Mirtazapin sofort abgesetzt und durch Citalopram ersetzt. Dieses wurde bis 40 mg gesteigert und machte mich noch unruhiger. Ich soll durchhalten, hieß es. 14 Tage später erhielt ich Lyrica (Pregabalin) dazu und konnte nach langer Zeit endlich wieder 6 Stunden am Stück schlafen. Ich blieb 7 Wochen auf der Station und ging nahtlos von dort aus für weitere 5 Wochen in die Tagesklinik.

Tatsächlich konnte ich mich dort etwas stabilisieren. Da mir das Citalopram nach wie vor zu aggressiv erschien, „schlich“ ich es im Dezember 2016 innerhalb von 4 Wochen aus. (30-20-10-0). Heute würde man das wohl als Kaltentzug bezeichnen. Dass ich logischerweise ab Januar 2017 am Entzug litt, war mir nicht klar und so bekam ich Venlafaxin verschrieben. Hätte ich gewusst, was ich mir damit antue, hätte ich es nie angerührt.

Im Mai/Juni 2017 hatte ich eine tolle Reha, die ich beinahe beschwerdefrei beendete, wurde arbeitsfähig entlassen und rutschte nun in die Arbeitslosigkeit. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits 61 Jahre alt. Ich begann nun auch das Venlafaxin ab Herbst 2017 auszuschleichen und nun begann die Entzugsmisere. Ich hatte bereits von der Kügelchenmethode gehört und wandte sie auch an, trotz allem noch zu schnell.
Als ich unter 37,5 rutschte, waren die Angstzustände kaum noch aushaltbar. Sie hielten über Tage an und ich hatte ständig diesen Angstklumpen im Bauch. Meine Psychtherapie brachte mir außer netten Gesprächen keine Linderung.
Im Mai (!!!) 2018 fand ich das adfd-Forum und bekam hier „erste Hilfe“ und viel Unterstützung.
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Re: Erfahrungsbericht loewe: "Der 8. Mai 2024 - mein persönlicher Tag der Befreiung und der lange Weg dorthin"

Teil 2: Die Symptome und unzählige Versuche der Linderung

An dieser Stelle sollte leicht zu triggernde Foris vielleicht nicht weiterlesen.

Ich hatte im Laufe der Entzugsjahre folgende Symptome:
1. Alle Ausprägungen von leichten Ängsten bis
Todesangst, meistens Bauchangst mit
Verspannungen im Solarplexus
2. Panikattacken
3. starke mentale Anspannung
4. Unruhe, tagelang
5. Durchdrehgefühl
6. "Aus-dem-Körper-wollen"-Gefühl
7. Tinnitus
8. blockierte/verstopfte Ohren
9. Hyperakusis
10. verschwommenes Sehen

11. gezackte Ränder am Sichtfeld/Augenmigräne
12. Brainzaps
13. depressive Phasen
14. Zwangsgedanken
15. SM-Gedanken
16. Schwere im Körper
17. Gummibeine
18. Wadenkrämpfe
19. Übelkeit
20. Appetitlosigkeit

21. Schwäche/Erschöpfung
22. Antriebslosigkeit
23. "Ich-kann-nicht"-Gefühl
24. morgendliche Cortisolattacken
25. Muskelzucken/ Händezittern
26. Unterzuckerungsgefühl
27. Verzweiflungswellen
28. Hoffnungslosigkeit
29. Vernichtungsgefühl
30. Gedankenrasen

31. festgetackert sein / Erstarrung
32. Magenschmerzen
33. Gallenschmerzen
34. Flankenschmerzen
35. Nacken-/Schulterschmerzen
36. brutale Oberarmschmerzen für 1,5 Jahre
37. Knacken/Knirschen im Kopf-Nackenbereich
38. Verspannung der Kopfnerven
39. Rückenschmerzen/ Rückensteifigkeit
40. steife Fingergelenke am Morgen

41. Fußkribbeln
42. Zähne zerbröseln/ständig Karies
43: Mundtrockenheit
44: Veränderung der Haarstruktur
45: DP/DR, Benommenheit
46: Körperbrennen, Kopfbrennen
47: Schweißausbrüche
48: Herzprobleme
49: Schlafprobleme
50: Brustdruck
51: Histaminintoleranz
Vielleicht habe ich auch noch was vergessen


Was ich alles probiert habe:


1. Gesprächstherapie
2. Synergetik ( Innenweltsurfen)
3. EFT/ MET (Klopftherapie)
4. Flowering tree (schamanische Heilmethode)
5. Prana- Heilung
6. EMDR (Augenbewegungen)
7. hnc (human neuro cybrainetics)
Viele von euch kennen die Preise, da sind 80/90/100 Euro pro Stunde das Minimum.
8. japanisches Heilströmen
9. Progressive Muskelentspannung
10. Autogenes Training

11. Yoga
12. Heilpflanzen (Baldrian, Hopfen, Melisse, Lavendel, Passionsblume), Ashwagandha, cbd-
Öl, Rotklee
13. Schlafspray und ätherische Ole (Lavendel, Vetiver, Muskatellersalbei, Sandelholz, Zeder, Zirbe und andere)
14. Spagyrik
15. Bachblüten
16. Schüssler-Salze
17. Homöopathische Globuli
18. Anxiovita
19. Melatonin
20. Gedankentraining

21. Fantasiereisen
22. Visualisierungsübungen
23. Atemübungen
24. Meditation
25. Spaziergänge
26. Nordic Walking
27. Heilende Frequenzen
28. Beschäftigung (Mandala-Malen, Häkeln)
29. viele Bücher lesen
30. Tees in allen Variationen zur Beruhigung
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Re: Erfahrungsbericht loewe: "Der 8. Mai 2024 - mein persönlicher Tag der Befreiung und der lange Weg dorthin"

Teil 3

Das Pregabalin (Ausgangsdosis 200 mg) habe ich über 3 Jahre hinweg, von 2019 bis März 2022, mit der Wasserlösemethode ausgeschlichen, ohne je Stabilität zu erreichen.
Von September 2017 bis zum 8. Mai 2024 habe ich Venlafaxin von einer Ausgangsdosis von 150 mg mit der Kügelchenmethode ausgeschlichen, zum Schluss wirklich Kügelchen für Kügelchen, jeweils 0,3 mg - bis zum allerletzten.

Ich habe also ab 2019 beide Medikamente parallel abgesetzt. Die schlimmste Zeit war dabei das Frühjahr 2020, wo ich wirklich gar nichts mehr konnte - nicht mal duschen, nicht Autofahren, nicht einkaufen, nicht kochen. Ich konnte keinen Besuch ertragen und selbst Vogelzwitschern im Baum vor dem Balkon versetzte mich in panikartige Zustände.

Schmerzhaftes Cortisolerwachen gehörte zu meinem täglichen Dasein, mentale Akathisie und Unruhezustände waren Dauerbegleiter. Es gab viele Couchtage, an denen ich mich mit Atemübungen über Wasser gehalten habe. Außerdem habe ich viel im Forum geschrieben und mich mit den Mitbetroffenen ausgetauscht. Aber ich bin nicht einen einzigen Tag im Bett geblieben, das hatte ich mir geschworen. Ich wollte es täglich wenigstens bis an den Frühstückstisch schaffen.

Dann habe ich mir ganz langsam mein Leben zurückgeholt. Tägliche Spaziergänge im Park, Malen und Häkeln verschafften mir einige Ruhemomente, da konnte mein auf Hochtouren laufendes ZNS kurz mal runterfahren. Die Spaziergänge habe ich bis zum heutigen Tag beibehalten, täglich 5-6 km.


Wie geht es mir heute?

Glücklicherweise haben sich die meisten Symptome irgendwann verabschiedet. Ich bin nicht symptomfrei, denke aber, dass das nun in Heilung kommen muss.
Die ersten Tage nach Null hatte ich heftige Zitteranfälle, vermehrte Schlafprobleme und Verspannungen im Körper. Das heißt, ich habe nach wie vor Wellen und Fenster. Aber ich kann wieder alles machen, was ein normales Leben ausmacht, vermeide nichts, mein Leben kennt auch richtig gute Tage und wieder Lebensfreude.

Geblieben ist immer noch eine diffuse Angst, die sich in den Wellen zu einer hohen Anspannung auswächst und mit ziehenden Schmerzen unter dem rechten Schulterblatt einhergeht. Aber es dauert nicht mehr 10 oder 12Tage, so wie früher, sondern einige Stunden und auch mal noch einen Tag.
In den Fenstern fühle ich mich komplett gesund, bin kreativ und voller Einfälle. Dorthin dauerhaft zu kommen, ist mein Ziel und ich freue mich darauf, wenn es soweit ist, auch hier meinen Heilungsbericht schreiben zu können. Ich möchte auf die schlimme Zeit nicht mehr zurückblicken, sondern mich auf Heilung fokussieren. 😀

Viele liebe Grüße 🍀🍀🍀
loewe
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