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Erfahrungsbericht: Olanzapin abgesetzt

Erfahrungsberichte von Betroffenen, die bereits Psychopharmaka abgesetzt haben
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Team PsyAb
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Erfahrungsbericht: Olanzapin abgesetzt

S. hatte Olanzapin wegen Zwangsgedanken und wahnartigen Gedanken nach einmaligem Psilocybin-Konsum verordnet bekommen.
Seinen Erfahrungebericht stellen wir hier mit seiner freundlichen Genehmigung ein.



Hallo,

hier versuche ich, relativ knapp meine Absetzgeschichte zu Olanzapin aufzuschreiben.

Zusammenfassend: Ich hatte in den letzten beiden Jahren mit zwei Substanzen ziemliches Pech: zuerst Ende 2019 mit Psilocybin und dann etwa 2 Monate später mit Olanzapin. Beides habe ich ich nicht vertragen. Ich will die Substanzen aber nicht verteufeln und denke, dass beide ihre Berechtigung haben.

Psilocybin und andere Halluzinogene haben in den letzten Jahren relativ viel Aufmerksamkeit bekommen. Sie werden vermehrt in der Therapie eingesetzt und viele, die mit ihnen positive Erfahrungen gemacht haben, sind fast mit religiösem Eifer davon überzeugt, dass sie eigentlich nur Gutes bewirken können.
Meine Erfahrung ist aber, dass sie durchaus gefährlich sind und auch viel Schaden anrichten können.
Im Positiven können Erfahrungen mit Halluzinogenen z. B. dabei helfen, Abhängigkeiten von Nikotin oder anderen Substanzen zu überwinden. Sie können dabei helfen, die Angst vor dem Tod zu überwinden (oder sie zumindest stark lindern), einem das Gefühl geben, stärker als sonst mit der Welt verbunden zu sein.
Sie können aber auch psychische Störungen auslösen (Psychosen, Angststörungen, Depersonalisation), in seltenen Fällen auch bleibende visuelle Halluzinationen (HPPD) auslösen. Vor allem, wenn man Fälle von psychischen Krankheiten in der Familie hat, sollte man die Finger davon lassen.

Olanzapin ist als Medikament sehr wirksam gegen Psychosen und für manche sicher ein Segen. Ich selbst hätte es vermutlich nicht wirklich gebraucht, weil ich überwiegend mit intrusiven Gedanken zu tun hatte, die sich auch mithilfe einer Therapie gut bearbeiten lassen. Ganz los geworden bin ich die Intrusionen zwar bis heut nicht, aber sie haben durch eine Verhaltenstherapie deutlich an Schrecken verloren. Außerdem waren bei mir die Nebenwirkung beim Olanzapin sehr stark, ich habe es deshalb auch nur wenige Wochen genommen, bevor ich mit dem Absetzen begonnen habe.


Die Vorgeschichte:
Ende 2019, mit 36, habe ich mit einem guten Freund zusammen Magic Mushrooms genommen, die ich von einem Holland-Besuch mitgebracht hatte. Im Grunde war ich seit 20 Jahren interessiert daran, das auszuprobieren und weil mein Leben insgesamt etwas stagnierte und ich „was neues“ erleben wollte, kam es also vor zwei Jahren dazu. Ich muss dazu sagen, dass ich früher an einer Schule war, an der vergleichsweise viel gekifft wurde und ich das auch öfters mal gemacht habe. Ich habe es nie wirklich gut vertragen, war immer sehr schnell weggetreten, wurde müde, ungesprächig und manchmal ein bisschen paranoid. Dass ich andere Substanzen genauso wenig vertragen könnte, hätte ich mir im Prinzip denken können, leider habe ich so weit aber nicht gedacht.

Außerdem scheint ein Teil meiner Verwandtschaft für psychische Schwierigkeiten anfällig zu sein: In der Familie mütterlicherseits gibt es zwei Tanten mit Psychiatrie-Erfahrung. Eine hatte (soweit ich weiß) nach der Geburt ihres ersten Sohnes eine postpartale Depression und seitdem immer wieder Schwierigkeiten mit ihrer psychischen Gesundheit, eine andere nimmt inzwischen wohl ein Medikament gegen Schizophrenie. Ich weiß das alles nur aus zweiter Hand, so richtig gerne spricht man da untereinander nicht darüber. Wie es bei den Onkeln aussieht weiß ich nicht genau, vielleicht reden die auch einfach noch weniger darüber. Diese Seite der Familie ist überwiegend sehr sympathisch, musisch begabt und ich mag alle sehr gerne. Aber es gibt eben, mehr als auf der anderen Seite der Familie, eine Tendenz zu psychischen Schwierigkeiten.

Es kam also dazu, dass ich Magic Mushrooms ausprobieren wollte. Ich habe meine Erinnerungen an den „Trip“ schonmal aufgeschrieben, werde die aber, damit der Text nicht zu lang wird, vorerst nicht posten. Bei Interesse kann ich die gerne ergänzen. Die Kurzfassung: ich hatte während des Trips so etwas wie eine Panikattacke, es war sehr stressig. Es hatte auch etwas von einer Nahtoderfahrung. Es war nicht ausschließlich negativ, aber die stressigen Aspekte waren deutlich stärker als alles andere.

Wie ich zum Olanzapin kam:
Nach der Erfahrung mit den Magic Mushrooms stand meine Welt kopf: ich hatte intrusive Gedanken, in denen es unter anderem um Suizid und Gewalt gegen mich selbst ging. Diese Gedanken kamen unvermittelt und nur alle paar Tage, aber waren doch sehr belastend. Nach etwa einer Woche rutschte ich in Derealisation & Depersonalisation, ein Zustand in dem einem die Welt und der eigenen Körper fremd und unecht vorkommen. Das eigene Spiegelbild wirkt wie das eines Fremden. Das dauerte etwa 3 Wochen. Währenddessen habe ich in meinem Job weiter gearbeitet, was einigermaßen funktioniert hat, aber es war doch alles sehr ungewohnt und beängstigend. Ich habe die ganze Zeit gehofft, dass es vielleicht nach ein paar Tagen oder Wochen von selbst wieder abklingen und alles normal, wie vorher, werden würde. Die Depersonalisation klang tatsächlich ab, „wie vorher“ war es allerdings trotzdem nicht.

Ich war bei der Drogenberatung der Caritas. Dort sagte mir ein sympathischer, aber insgesamt etwas verständnisloser Sozialarbeiter ich solle einfach weiter meinem Alltag nachgehen, es würde sich schon alles von selbst wieder einrenken. Meine Hausärztin verschrieb mir verschiedene Mittel um den Körper zu entgiften.

Irgendwie wurde mir klar, dass mein Hirnstoffwechsel nicht ganz in Ordnung ist, als ich an manchen Abenden unvermittelt extrem starke depressive Gefühle hatte, ohne dass es dafür einen Auslöser gegeben hätte. Die kamen aus dem nichts und verschwanden nach ein oder zwei Stunden von selbst wieder, so als würde man einen Schalter umlegen.

Als es mir einen Abend nicht besonders gut ging, bin ich spazieren gegangen, was mir sonst bei schlechter Stimmung bisher immer gut geholfen hatte. An diesem Abend haben meine Gedanken schrecklich gerast, es war, als wäre das Tempo der Gedanken ums fünf- oder zehnfache schneller als sonst. Und es wollte einfach nicht aufhören, selbst als ich 4 Stunden lang spazieren war. Da hatte ich dann ganz klar das Gefühl, dass ich medikamentös etwas für meine Psyche tun müsste. Am nächsten Tag fragte ich dann in der Apotheke nach, ob es etwas gäbe, was man mir empfehlen könnte. Die Apothekerin sagte, dass sie mir ohne Rezept nichts verkaufen dürfe, jedenfalls „nichts was wirkt“.

Nach langem Herumtelefonieren habe ich dann einen Termin bei einer Psychiaterin in der Drogenambulanz bekommen. Das war nicht einfach, ich habe bestimmt bei 30-40 Psychiatern und Neurologen angerufen, bevor ich einen halbwegs zeitnahen Termin hatte.
Die Psychiaterin dort war jung, freundlich und wirkte souverän. Ihr Vorschlag war, dass ich ein SSRI und ein Neuroleptikum nehmen sollte, allerdings ohne mir eins von beidem aufzudrängen. Aus irgendeinem Grund hatte ich vor dem SSRI mehr Respekt als vor dem Neuroleptikum. Warum weiss ich nicht genau. Vielleicht hatte ich auch einfach höhere Erwartungen an das eine als an das andere Medikament. Ich sagte, dass ich erstmal nur das Neuroleptikum, Olanzapin, ausprobieren wollte.
Ich habe es genommen, weil ich der Meinung war, es zu brauchen. Mir waren im Vorfeld auch die möglichen Nebenwirkungen durchaus bewusst. Ich dachte zu dem Moment, dass es eine Erfahrung ist, die ich in meiner Situation halt machen müsste und dass ich das Ganze sowieso erst rückblickend richtig würde beurteilen können. Dass die Nebenwirkungen so stark und das Absetzen so langwierig werden würden, hatte ich trotz allem nicht erwartet.

Am Anfang habe ich 2,5 Mg täglich genommen, etwa einen Monat später dann auf 5 Mg erhöht, eine vergleichsweise niedrige Dosis. Die Nebenwirkungen gingen trotzdem ziemlich schnell los. Kurze Zeit später habe ich auch schon angefangen, abzusetzen.

Die für mich positive Wirkung war, dass ich auf 2,5 und 5 Mg keinerlei intrusiven Gedanken mehr hatte. Außerdem sind mir Abends nach der Einnahme extrem schnell die Augen zugefallen. Falls man Schlafprobleme hat sicherlich praktisch. Alle anderen Effekte waren eigentlich durchweg negativ.

Ich habe parallel eine Verhaltenstherapie angefangen, die mir insgesamt sehr gut weiter geholfen hat. Das Olanzapin nicht so sehr. Es hat sicherlich auch seine Berechtigung, allerdings waren bei mir die negativen Auswirkungen deutlich stärker als die positiven.

Nebenwirkungen
Einige der Nebenwirkungen und Absetzerscheinungen, die ich im Laufe der Monate hatte:

Auf 5 Mg:
- hohe Blutfett/Triglycerid-Werte (laut meiner Hausärztin eine Vorstufe von Diabetes)
- starke Müdigkeit/Antriebslosigkeit
- permanenter Hunger und Gewichtszunahme
- Schwächeanfälle (die sind relativ schwer zu beschreiben - ich war extrem unkonzentriert und fühlte mich, auch im Sitzen, so als würde mein Kreislauf jeden Moment zusammenbrechen. Das dauerte in der Regel 1-2 Stunden und kam in unregelmäßigen Abständen alle 2 Tage bis 2 Wochen fast bis zum Ende des Reduzierens)

Während des Reduzierens zwischen 3,75 und 1 Mg:
- Panikattacken und starke Zukunftsängste
- psychotische Gedanken, als ich zu schnell von 3,75 auf 2,5 Mg reduziert hatte
- starkes Gefühl von Niedergeschlagenheit und Sinnlosigkeit morgens nach dem Aufwachen (das war teilweise wirklich extrem)
- nervöser Durchfall jeden Morgen
- weiterhin Schwächeanfälle

Während des Reduzierens zwischen 1 und 0 Mg:
- tränende Augen / verschlechterte Sehkraft über Monate hinweg
- Tinnitus

Die gute Nachricht: alle Symptome verschwinden wieder. Aber es dauert teilweise echt lange.
Absetzpausen haben mir stellenweise sehr geholfen. Wenn man 8-12 Wochen auf einer Dosis bleibt, kann der Körper sich einfach besser stabilisieren.

Seit ich von 3,75 auf 2,5 Mg reduziert hatte und psychotische Gedanken bekam, habe ich gemerkt dass langsames Reduzieren tatsächlich der sicherste Weg ist und mich (weitgehend) an die Empfehlungen hier im Forum gehalten.

Auch wenn es ein langer Weg ist und ich mit 5 Mg ohnehin nur eine kleine Dosis genommen habe: man kommt irgendwann ans Ziel. Ich bin jetzt seit beinahe drei Wochen bei null und habe abgesehen von einem leichten Tinnitus keine Absetzerscheinungen mehr. Ich könnte mir vorstellen, dass der Tinnitus in 2-4 Wochen auch noch verschwindet. Die letzten Schritte (zwischen 0,75 und 0 Mg) waren im Vergleich zu allem davor auch wirklich nicht mehr besonders stressig.

Ich habe parallel zu dem Medikament etwa ein Jahr lang eine Verhaltenstherapie gemacht. Die hat mir geholfen, mit den intrusiven Gedanken umzugehen, sowie mit meinen Ängsten allgemein. Als ich mit dem Olanzapin angefangen habe, hatte ich noch keinen Therapieplatz, aber das war für mich im Nachhinein eindeutig die bessere Maßnahme.

Meine Therapie ist inzwischen abgeschlossen und ich habe immer noch gelegentlich intrusive Gedanken, aber ich habe gelernt mit ihnen umzugehen und brauche dagegen nicht unbedingt ein Medikament.

Ich habe außerdem eine Selbsthilfegruppe für Leute mit Zwangsstörung gefunden, die sich einmal im Monat trifft. Die Teilnehmer haben größtenteils seit Jahrzehnten mit ihrer Zwangsstörung zu tun und die meisten hat es härter erwischt als mich. Ich fühle mich dort aber gut aufgehoben und der Austausch ist für mich sehr bereichernd. Die Treffen lenken von den eigenen Sorgen ab und zeigt einem, dass man mit seiner Macke nicht alleine ist.

Was mir immer wieder sehr geholfen hat, bei der Depersonalisation und auch bei der durch die intrusiven Gedanken ausgelösten Angst, ist Akzeptanz. Man neigt ja dazu, Zustände die man nicht mag, mit voller Kraft abzulehnen. Der Zustand an sich ist aber bei genauerer Betrachtung vielleicht garnicht so schlimm und erst die innere Ablehnung verursacht wirklich das Leid. Einen inneren Widerstand aufrecht zu erhalten, kann wahnsinnig kräftezehrend sein. Wenn man ihn abbaut, und man seine Sorgen mit neugierigem Interesse betrachtet, werden sie in den meisten Fällen ein gutes Stück kleiner.

Wer das liest und selbst gerade mitten im Absetzen ist: Ihr schafft das!
Es dauert eine Weile und man braucht viel Geduld, aber am Ende kommt man ans Ziel. Und die Absetzsymptome werden langsam immer weniger.

Was mir bei starken Angstzuständen geholfen hat:
Hopfen-Tee (mehr als alles andere)
CBD-Tropfen
Neurexan
EFT-Klopfen
Akzeptanz (sehr hilfreich waren für mich die Aufnahmen von Dr. Claire Weekes bei Youtube)

Liebe Grüße,
S.
Folgende Benutzer bedankten sich beim Autor Team PsyAb für den Beitrag (Insgesamt 5):
Siggi, Pepper, Bittchen, Windellos, krasiva
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