Willkommen im PsyAb-Forum,

Hier findest du allgemeine Informationen zum Forum: Allgemeine Informationen zum Forum
Um im Austauschbereich mitlesen zu können, ist eine Registrierung erforderlich: Registrierungsanleitung
Um selbst aktiv am Austausch teilzunehmen, müssen sich neue Teilnehmer nach erfolgreicher Registrierung zunächst in einem eigenen Thread vorstellen: Wichtige erste Informationen für neue Teilnehmer

Liebe Grüße,
Das PsyAb Team


Dieser Text kann durch Klicken auf das X rechts oben in dieser Textbox ausgeblendet werden.

Erfahrungsbericht Jimbo: Benzo (Alprazolam) und Alkohol - Mein Weg

Erfahrungsberichte von Betroffenen, die bereits Psychopharmaka abgesetzt haben
[für alle Benutzer und Gäste sichtbar]
Antworten
Team PsyAb
Team
Beiträge: 504
Registriert: vor 1 Jahr

Erfahrungsbericht Jimbo: Benzo (Alprazolam) und Alkohol - Mein Weg

Hier der Erfahrungsbericht von unserem Forumsmitglied Jimbo:

Hallo alle im Forum,

da ich nun seit einiger Zeit den Entzug überstanden habe, schreibe ich nun meinen Erfahrungsbericht.
Dieser Bericht dient auch meiner ganz persönlichen Aufarbeitung der Geschehnisse und auch deren Abschluss.
So ist hier nun auch viel Persönliches enthalten und es ist ziemlich lang geworden. Ich habe mich aber bemüht, es übersichtlich zu gliedern.


Vorgeschichte:
In den 90er Jahren war ich viel in der Techno-Szene unterwegs und wir haben alle Party-Drogen genommen, die es gab: Ecstasy, Speed, Koks, LSD, Cannabis.
Diese Phase ging vorbei, der Konsum wurde nach und nach weniger, ganz von selbst.
Geblieben ist ein Hang zum Alkohol.
Mein Alkoholkonsum war fast 25 Jahre relativ hoch, aber noch nicht kritisch.

Ca. 2015 überschritt ich wohl diese kritische Grenze und Probleme traten auf, mein psychischer Zustand verschlechterte sich, bis hin zu massiven Panikattacken nach dem Saufen.
So kam ich 2018 / 2019 zu den Benzos, als Katermedizin, die halfen natürlich super...
So konnte ich noch eine Weile weitermachen mit dem Saufen, bis dann erste Benzo-Entzugssymptome auftraten.


Meine Entzüge:
Es folgten mehrere Benzoentzüge und Alkoholpausen, immer in Heimarbeit, ohne ärztliche Konsultation, da ich die (offizielle) Stigmatisierung als Alkoholiker oder gar Polytoxer auf gar keinen Fall wollte.
Ich wollte es unbedingt alleine schaffen!

Mit viel Glück, aber auch Hartnäckigkeit ist mir dies schlussendlich wirklich gelungen.
Aber der Preis war hoch.

Meine Benzo-Entzüge:
Retrospektiv kann ich nicht mehr genau sagen, wie viele es waren, ich schätze sie auf ca. ein halbes Dutzend.
Jeder war schlimmer und dauerte länger als der Vorherige und mündete dann in einem protrahierten Entzug, der bis heute noch leicht vorhanden ist.
Die „kleinen Entzüge“ dauerten 1 - 4 Wochen, die Symptome waren schwerwiegend und dann urplötzlich über Nacht (fast) vollständig verschwunden.
Ich habe dieses Phänomen Wunderheilung getauft.

Diese vielen Entzüge haben mein Nerven-System aber immer weiter geschädigt, sodass ich 2021, durch die einmalige Einnahme einer geringen Menge Passionsblume, von einem Moment zum Anderen, in die Hölle katapultiert wurde.
Ich bekam urplötzlich schwerste Symptome nie gekannten Ausmaßes, die meine Vorstellungskraft meilenweit überstiegen.
Schwerste Neuro-Depression und die Angst, dass es niemals wieder aufhört, war mein Schlachtfeld in der Hölle.
Wie genau ich das überlebt habe, weiß ich gar nicht, immer wenn ich dachte, es geht nicht mehr, kam von irgendwo noch ein wenig Energie, gerade so viel, dass ich es schaffen konnte.

Mein ganzer Entzug verlief extrem wellenförmig. Zwischen den Wellen ging es mir einigermaßen ok, aber die Wellen waren direkt aus der Hölle!
Leider kann ich die Intensität der Wellen nicht in Worte fassen, da es keine dafür gibt, daher behelfe ich mir mit dem metaphorischen Begriff „Hölle“.
Die Wellen dauerten immer drei Std., sodass ich immer auf die Uhr kucken konnte und so wusste wie lange ich durchhalten musste, das war meine wichtigste Hilfe, aber bei weitem nicht die einzige Hilfe!
Ein ganzes Arsenal, hochgezüchteter Super-Skills war nötig, diese alle Grenzen sprengenden Wellen der Hölle zu überstehen.

Dieser Akut-Zustand dauerte zwei Monaten, die Heilung vollzog sich wieder sprunghaft, immer über Nacht, aber leider nicht mehr so umfassend, wie es zuvor immer der Fall war.
Die Wellen kamen seltener und flachten ab, die Tendenz war klar positiv.

Dann, am 11.11.2021, bekam ich eine Corona-Impfung (Johnson) und genau 2 Std. später brach die Hölle erneut über mich herein!
Genau die gleiche Hölle wie zuvor, wieder zwei Monate lang...

Im letzten halben / dreiviertel Jahr waren die Wellen sukkzesive abflachend und dank der hochtrainierten Skills gut händelbar.
Mittlerweile, ein gutes Jahr später, sind die Wellen nahezu vollständig verschwunden und treten nur noch auf, wenn ich durch Medikamente (leichtere Unverträglichkeiten) oder Krankheiten (Grippe / Corona) getriggert werde.


Alkohol:
Alkohol ist meine Grunderkrankung.
Eigentlich ganz einfach: Klare (Selbst)Diagnose, klare, simple Therapie.
Für einen Alkoholiker jedoch nur sehr schwer umsetzbar, wir alle wissen, dass viele Leute daran sterben, weil sie eben nicht einfach aufhören können.

Daher bin ich über alle Maßen dankbar für folgende Nebenwirkung:

Diese ganze Benzo-Entzugs-Odyssee hatte eine sehr unerwartete, atypische, aber hocherfreuliche Nebenwirkung. Sie hat mir zweimal den Saufdruck genommen.
Beim ersten Mal habe ich es verbockt und nach drei Wochen wieder getrunken, danach war der Suchtdruck wieder da.
Beim zweiten Mal war ich viel schlauer und habe die zweite Chance genutzt und nicht wieder getrunken, das war vor nun über 17 Monaten.

Es ist irgendwie ein kleines Wunder gewesen und das gleich zweimal.
Ich habe getrunken und dazu Benzo genommen (habe Alkohol und Benzo nur sehr selten gleichzeitig kombiniert), die Tage danach ging es mir extrem schlecht, aber der Suchtdruck war weg, und mit weg meine ich wirklich vollständig Null.
Dieses Phänomen hält bis heute an.
Da ich beim ersten Mal gelernt habe, dass dieser Effekt durch Saufen zerstört wird, habe ich es einfach sein lassen.
Geringe Mengen Alkohol beeinflussen den Effekt nicht, ich kann also geringe Mengen Alkohol, etwa in Nachspeisen, konsumieren, das ist natürlich gut, da ich nicht streng darauf achten muss, ob irgendwo Alk. Enthalten ist.
Das habe ich, vor vielen Monaten, in einem versehentlichen Selbstversuch herausgefunden.
Allerdings vertrage ich Alk. nicht mehr gut und auch geringe Mengen wirken sich schon leicht negativ auf meine Stimmung aus.



Skills und innere Einstellung:
Dies ist für diejenigen von euch, die noch mittendrin stecken, vielleicht der interessanteste Teil meines Berichtes?

Wo Schatten ist, ist auch Licht!

Skills sind etwas sehr Persönliches und man muss herausfinden welche einem, in welcher Situation helfen, oder ganz eigene kreieren / erfinden.

Ich schreibe hier, was mir persönlich geholfen hat.
• Kein Jammern oder Hadern, insbesondere innerlich nicht.
Für mich war das „relativ leicht“, da ich noch nie einen Hang zu Selbstmitleid hatte und so etwas immer schon ganz intuitiv unterbunden habe.
Im schlimmsten Entzug musste ich mich aber auch aktiv „zur Ordnung“ rufen, wenn ich damit anfing. Für Andere kann dies sicherlich ungleich schwerer sein als für mich. Dies war aber sehr wichtig für mich.
• Keine Schuldzuweisungen, mir selbst gegenüber, oder Ärzten, oder sonst wem gegenüber.
• Zu Beginn jeder Welle auf die Uhr schauen.
Gleich zu Beginn des ganzen Elends fand ich heraus, dass meine Wellen immer drei Std. dauerten, so hatte ich einen klaren Zeitrahmen, wie lange ich durchhalten musste.
• Mantraartiges vorsagen: !!!Halte durch, es wird bald besser!!!
• Visualisieren.
Ich stelle mir meine Skills als unbesiegbare Krieger in schweren Rüstungen mit Schwert und Schild vor, die den Feind (Entzug) niederwalzen. Dies machte ich meist zwischen den Wellen, um die Skills zu stärken.
• Viel Geduld und Akzeptanz.
Das mit der Geduld war sehr schwierig für mich, da ich von Natur aus sehr ungeduldig bin, aber selbst ich konnte sie erlernen.
• Die Phasen, Wellen und Symptome nehmen wie sie kommen.
Ich habe es früher schon mal so Formuliert:
„Ich bin wie ein Grashalm im Wind, ich biege mich in jede Richtung, ohne dabei zu brechen.“


Der Super-Skill:
Dieser Skill ist so mächtig, nachhaltig und allumfassend, dass ich ihm einen eigenen Absatz widmen möchte, oder sogar muss.

Gegen meine Neuro-Depressionen (durch den Entzug künstlich hervorgerufene Depressionen) musste ich mir eine ganz neue universelle Philosophie, Religion, oder wie auch immer man es nennen möchte, erschaffen.
Ich musste, für mich, den Sinn des Lebens finden und erklären. Religiöse Standard-Modelle konnten dies nicht mal ansatzweise für mich leisten, also musste ich etwas Eigenes, Neues erfinden,
etwas dass buchstäblich das ganze Universum umfasst und einbezieht.

Das war unglaublich schwierig, unfassbar anstrengend, fast unmöglich, aber es war unumgänglich für mich.
Ironischerweise hat mir der entzugsbedingte Gedankenkreisen und Grübelzwang dabei geholfen.
Nur die außerordentliche schwere der Entzugssymptome hat es mir ermöglicht diesen riesigen und langwierigen Energieaufwand zu erbringen, der Entzug hat mich wortwörtlich dazu gezwungen.

Es war die größte geistige Leistung die ich jemals erbracht habe.

Der Skill hat eine nur schwer fassbare Macht und Energie über mich entwickelt.
Er hat mein Denken, meine Ansichten, mein Handeln, meine Moral, mein innerstes selbst durchdrungen und ist seither mein Leitstern.
Er ist jetzt ein untrennbarer Teil von mir und allgegenwärtig...
Er ist eine universelle und wunderbare Weisheit für mich geworden, die mir nichts und niemand wieder nehmen kann!

Natürlich hatte ich auch Momente in denen ich das Gefühl hatte, dass meine Skills versagen, aber das taten sie nicht, denn ohne sie wäre es viel schlimmer gewesen.
In diesen Momenten wurden die Skill-Krieger nur kurzfristig überrannt, konnten den Angriffswellen der Entzugs-Symptome aber einiges an Wucht nehmen und sich wieder neu formieren.

Jeder muss ausprobieren welche der bekannten „Standard“ Skills einem helfen, oder man muss seine Eigenen entwickeln.


Der Stand heute:
Für mich war der Preis zwar extrem hoch, aber nicht zu hoch!
Diese schlimmste Zeit meines Lebens hat also viel Positives bewirkt und jetzt, wo das Schlimmste überstanden ist, würde ich es auch um nichts in der Welt ungeschehen machen wollen.
Als ich mittendrin war, sah ich das natürlich anders.

Weitere positive Entwicklungen:
• Mein Hang zu Alkohol und anderen Rauschmitteln ist nachhaltig verschwunden.
• Die hochgezüchteten Super-Skills sind noch da und jederzeit einsatzbereit, sodass unangenehme Situationen und Gefühlslagen ungleich einfacher zu handhaben sind.
• Ausgeglichenheit und Gelassenheit haben ein Niveau erreicht, dass ich mir nicht einmal vorstellen konnte.
• Auch wenn es vielleicht pathetisch klingt, halte ich mich für daran gewachsen, und ja, auch für etwas weiser.
• Mein Umgang mit Freunden und Mitmenschen ist deutlich toleranter, einfühlsamer und respektvoller.
• Meine Selbst-Reflektion und Einschätzung sind näher an der Realität als vorher.
• Auch habe ich viel Respekt und Anerkennung, von Freunden und meinen Schützen- Schwestern und Brüdern erhalten, für meine Abkehr vom Alkohol und den damit einhergehenden Verbesserungen, wie z.B. allgemeiner Umgang und Zuverlässigkeit.

Diese Liste ist noch nicht einmal abschließend und ich könnte sie noch viel weiterführen, lediglich die wichtigsten Dinge, die mir gerade eingefallen sind, finden sich hier wieder.

Natürlich gibt es auch noch einige Schattenseiten, abgesehen von den grausamen Entzugserscheinungen:
• Das Nervensystem ist noch recht empfindlich und leicht zu triggern, z.B. durch zahlreiche Medikamentenunverträglichkeiten und auch durch normale Krankheiten (wobei Krankheiten deutlich seltener geworden sind, da das Immunsystem vom Alk. befreit ist).
• Motivation und Begeisterungsfähigkeit sind noch etwas angeschlagen und lassen gerne noch Raum für Lethargie und Lustlosigkeit, aber es wird besser.
• Es gibt noch einige Kleinigkeiten, die mir jetzt nicht einfallen, oder zu unbestimmt sind, sie benennen zu können.

Es ist unschwer zu erkennen, dass die Positiv-Liste deutlich umfangreicher ist als die Negativ-Liste!
Die restlichen Kleinigkeiten auf dieser Liste werden sich in den nächsten Monaten weiter zurückbilden, dessen bin ich gewiss.

Letzter Punkt (versprochen ;) )
Einen wichtigen Punkt im Kampf gegen den Entzug habe ich mir noch bis zum Schluss aufgehoben, dieses Forum (und das Vorgänger-Forum ADFD)!
Nur, weil ich genau hier, viel lesen und schreiben konnte, hatte ich die nötigen Informationen und das Wissen meinen Entzug so zu meistern wie ich es konnte.

Daher möchte ich euch allen danken, besonders den guten und treuen Seelen, die dieses neue Forum aufgebaut haben und mit Leben füllen!
Ich möchte keine Namen aufzählen, da ich bestimmt einige vergessen würde :dunno:

Liebe Grüße
Jimbo
Folgende Benutzer bedankten sich beim Autor Team PsyAb für den Beitrag (Insgesamt 5):
MarieSophia, Tigger123, Susanne1978, Sunshine71, Spyrogyra
Antworten