Häufigkeit von Antidepressiva-Entzugserscheinungen: Eine prospektive Längsschnitt-Kohortenstudie bei Patienten in der Primärversorgung
Rennwald et al. (2026)
Link zur Studie
Ein Forscherteam um Andri Rennwald wollte mit dieser Studie herausfinden, wie häufig Antidepressiva- Entzugssymptome auftreten und ob dies besonders bei Reduktionen im niedrigen Dosisbereich zutrifft. Dafür befragten sie 32 Patienten im Verlauf von 26 Wochen, die regelmäßig Antidepressiva einnahmen im Verlauf ihres Ausschleichprozesses. Gemessen wurde die jeweilige Veränderung der Symptomanzahl/-stärke mithilfe einer Skala zur Erfassung zu Antidepressiva-Entzugssymptomen.
Die Studienautoren fanden heraus, dass die Entzugssymptome zumeist bei Reduktionen im Dosisbereich unter 75 % (3/4) der standardisiert minimalen wirksamen Dosis zunahmen. Etwa 60 % der Symptomverschlechterungen sind wahrscheinlich direkt auf pharmakologische Aspekte des Entzugs zurückzuführen, die restlichen 40 % auf andere Ursachen, wie externe Stressfaktoren oder zufällige Symptomschwankungen z. B. aufgrund gleichzeitiger Gesundheitsprobleme.
Aus diesen Daten ermittelten die Forscher eine Häufigkeit von klinisch relevanten Antidepressiva-Entzugsreaktionen von 32 %, von schweren Entzugsreaktionen von 11 %.
Dieser Artikel ist ein Vorabdruck und wurde noch nicht einem Peer-Review unterzogen.
Zusammenfassung (Abstract)
"Hintergrund:
Die Häufigkeit von Entzugserscheinungen bei Antidepressiva-Langzeitanwendern und der Einfluss der Dosierung sind bislang nur unzureichend geklärt.
Ziele:
Auf der Grundlage neuropharmakologischer Modelle und Anwenderbefragungen untersuchte diese Studie die Veränderung der Symptome während der schrittweisen Reduzierung der Dosis und ob eine Zunahme der Symptome speziell mit einer Reduzierung unter 75 % der minimalen wirksamen Dosis zusammenhing.
Studienaufbau:
Es handelte sich um eine vorausschauende Längsschnitt-Kohortenstudie mit sieben Erhebungen über einen Zeitraum von sechs Monaten.
Methoden:
Insgesamt 32 erwachsene Patienten aus der Schweizer Grundversorgung, die seit mindestens sechs Monaten Antidepressiva einnahmen und sich in einer stabilen Remission befanden, wurden zu Studienbeginn (Woche 0) vor Beginn der Ausschleichphase sowie nach 2, 4, 6, 8, 16 und 26 Wochen untersucht. Entzugssymptome wurden wiederholt anhand einer angepassten Version der Discontinuation-Emergent Signs and Symptoms Scale (DESS) gemessen, und der primäre Endpunkt war die intraindividuelle Symptomveränderung während der Intervalle. Die Antidepressiva-Dosis wurde relativ zur minimalen wirksamen Dosis bei der Behandlung von depressiven und Angststörungen standardisiert.
Ergebnisse:
Über alle Zeiträume hinweg waren Dosisreduktionen unter 75 % der minimalen wirksamen Dosis mit einer Zunahme der Symptome verbunden, während Dosisreduktionen oberhalb dieser Schwelle oder keine Dosisreduktionen mit einer Abnahme der Symptome einhergingen. Nach Bereinigung um potenzielle Störfaktoren betrug die Rate klinisch relevanter Symptomverschlimmerungen bei Dosisreduktionen unter 75 % der minimalen wirksamen Dosis 33 %, verglichen mit 13 % in Zeiträumen ohne Dosisreduktionen (OR = 3,2; 1,4 bis 7,4). Wir schätzten daher, dass 60 % des Risikos für klinisch relevante Symptomverschlimmerungen auf pharmakologische Entzugseffekte zurückzuführen waren. Die bereinigten Häufigkeitsraten für klinisch relevante und schwere Entzugsreaktionen betrugen 32 % bzw. 11 %.
Schlussfolgerungen:
In Übereinstimmung mit neuropharmakologischen Forschungsergebnissen stellten wir fest, dass Entzugserscheinungen bei Antidepressiva meist nach Reduzierungen unter 75 % der minimalen wirksamen Dosis auftreten und etwa ein Drittel der Patienten betreffen. Selbst geringe Reduzierungen können in diesem niedrigsten Dosisbereich klinisch relevante Entzugsreaktionen auslösen, was die Notwendigkeit personalisierter Reduktionspläne unterstreicht."
Quellenangabe:
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Incidence of antidepressant withdrawal reactions: A prospective longitudinal cohort study in primary care patients
Andri Rennwald, Mark A. Horowitz, Oliver Senn, Stefan Neuner-Jehle, Michael P. Hengartner
medRxiv 2026.05.12.26352975; doi: https://doi.org/10.64898/2026.05.12.26352975
Der Originalartikel steht unter einer Creative Commons Lizenz
Andri Rennwald, Mark A. Horowitz, Oliver Senn, Stefan Neuner-Jehle, Michael P. Hengartner
medRxiv 2026.05.12.26352975; doi: https://doi.org/10.64898/2026.05.12.26352975
Der Originalartikel steht unter einer Creative Commons Lizenz
